Website-Icon Sebastian Müllers Blog

Anti-Wind in Furtwangen

Nach einer Woche der intensiven Recherche, Abwägen, Faktencheck und Quellenprüfung hat der Volksverpetzer einen Artikel von mir veröffentlicht, der sich kritisch mit den einigen der Aussagen von Fritz Vahrenholts Anti Windkraft Vortrag in Furtwangen beschäftigt.

An der Kette

Der CDU Bürgermeister von Furtwangen hat die Halle kostenlos den Windkraftgegnern überlassen, das darf er nach Satzung auch, muss es aber nicht tun. Begründung: Es handele sich um eine „politische Bildungsveranstaltung“, das ist aus meiner Sicht ein kleiner Skandal. Denn entweder gelten die Grundsätze der politischen Bildung, daher der Beutelsbacher Konsens mit seinem Überwältigungsverbot und Kontroversitätsgebot, oder eben nicht. Das dürfte zumindest das Tor öffnen, als Befürworter von Windkraft und Energiewende, auch die Halle kostenlos zu bekommen.

Windrad im Schwarzwald

Neben dem Punkten Artikel, finde ich noch eine Reihe Aspekten erwähnenswert, die zum Teil einfach wegen des Umfangs keinen Eingang gefunden haben.

Windräder im Schwarzwald liegen an guten Standorten etwa bei der Prechtaler Schanze über 2.700 Vollasttunden/Jahr und nicht, wie gerne behauptet wird, bei 1000 Stunden/Jahr und sind damit natürlich wirtschaftlich, sonst gäbe es ja die zahlreichen Projekte von privaten Investoren, Stadtwerken oder Bürgerenergiegenossenschaften nicht. 

Volllaststunden ist die Zeit, in der ein Kraftwerk mit voller Last läuft, das hängt zum einen davon ab, wie gut das Kraftwerk ist, ob es ggf. ausfällt oder in Wartung muss. Der Durchschnitt der Deutschen Windkraftwerke liegt bei 2150 Stunden. Den rest laufen sie meist in Teillast. Das ist übrigens eine Metrik, die vor allem bei konventionellen Kraftwerken sinnvoll ist – das Atomkraftwerk will man möglichst immer unter Vollast laufen lassen. Gerade Kernkraftwerke will man möglichst immer mit voller Last, also viele Volllaststunden betreiben, weil die Kraftstoffkosten (Uran bzw. Brennstäbe) im Vergleich zu anderen Kosten (Kapital für Bau, Lohn für Mitarbeiter) gering sind. 

Außerdem ist es billiger, trotz der niedrigeren Volllaststunden Strom in Süddeutschland zu erzeugen, weil man dann nicht teuer über Kabel im Erdboden (Danke CSU) den Strom von Nord nach Süd transportieren muss. Die Produktionskosten liegen im Süden höher, aber die Transportkosten von Nord nach Süd sind deutlich höher, nach Hochrechnung bis zu 10 Cent kwh. 

Windradtransport im Schwarzwald

Man bekommt für neue Windräder in Stunden mit negativem Strompreis ab dem 27.5.25 auch keine Einspeisevergütung mehr. Es wird also für Strom, den „keiner will“, auch nix bezahlt. Das bedeutet aber nicht, das wir auch den Verbrauch flexibilisieren müssen, etwa über dynamische Stromtarife und variable Netzentgelte. Dafür setzte ich mich ja als BalkonSolar Vereinsvorstand auch ein, etwa mit einer Petition.

Denn Solar erlebt einen ungeahnten Boom. Nicht nur in Deutschland, auch in Polen oder Pakistan, Siera Leone oder jedes Land in der EU, wie Bruno Burger so schön zeigt:

Und die Energiewende ist auch kein deutscher Sonderweg, während alle anderen Atomkraftwerke bauen: Alle bauen Solar zu!

Dann wird auch immer behauptet das sog. Referenzmodell würde dafür sorgen, das im Schwarzwald Windräder gebaut werden, die gar nicht wirtschaftlich wären. Das ist falsch und beruht darauf, dass man das Referenzpreismodell falsch wiedergibt.

Windenergieanlagen haben drei Vergütungsmodelle: 

Das wichtigste ist die EEG Vergütung. Wie hoch die Vergütung ist, wird per Auktion ermittelt: Anlagenbetreiber mit Baugenehmigung bieten in einer umgekehrten Auktion, sie sagen etwa: “Ich will für meinen Strom 6,9 Cent/kWh”. Je niedriger ihr Preis, desto eher kommen sie den Zuschlag. (Der durchschnittliche, mengengewichtete Zuschlagswert im Februar 2025 betrug 7,00 ct/kWh, das ist viel billiger als Strom aus Gas und Kohlekraftwerken)

Transport von Flüglen, Drohnenbild

Nun ist nicht jeder Standort gleich gut. Im Norden Deutschlands gibt es keine Berge und damit keine Verwirbelungen und auch die Wege sind einfach zu befahren, zudem weht etwas mehr Wind. Aber: Viele Großverbraucher sitzen im Süden, Strom muss über lange, teure Hochspannungsleitungen zu ihnen geführt werden. Norddeutscher Windstrom ist schon für 6 Cent/kWh zu haben, man muss erhebliche Transportkosten von der Küste nach Süden dazu addieren. 

Es ist also sinnvoll, nicht nur in Norddeutschland Windenergieanlagen zu bauen, sondern auch wegen der kürzeren Transportwege im Süden. Damit das passiert, wird für jeden Standort ein Faktor berechnet, der die Nachteile ausgleichen soll, das sog. Referenzmodell. Das geht auch andersherum: Habe ich einen hervorragenden Standort, dann bekomme ich weniger Geld. Geboten wird immer auf den fiktiven 100% Standort, allerdings sind die Standorte im Norden 88%, im Süden nur 67% im Durchschnitt. Daraus ergibt sich dann ein Korrekturfaktor, sprich ein 67% Standort wird mit 1,329000 multipliziert und bekommt dann beim Gebotswert von 7 Cent 9,30 ct/kWh. Es entstehen aber geringere Transportkosten als beim Strom aus Norddeutschland. 

Nun gibt es noch zwei weitere Möglichkeiten für den Betreiber, seinen Strom zu vermarkten: etwa ein Power-Purchasing-Agreement, das bedeutet, der Betreiber verkauft direkt an einen großen Verbraucher. In Freiburg hat die VAG etwa für den Strom der Straßenbahnen ein solchen Vertrag. Der Preis unterliegt dabei  de freien Aushandeln zwischen Verkäufer und Käufer. Hier sind die Netzkosten niedrig, da der Strom nur eine kurze Strecke über das allgemeine Stromnetz der badenova transportiert wird.

Die dritte Variante ist das öffentliche Stromnetz komplett zu umgeben:  Direktbelieferung, sprich ein Kabel geht vom Windrad direkt zu einem großen Verbraucher wie dem badischen Stahlwerk in Kehl, man zahlt nichts für die Durchleitung an einen Netzbetreiber, etwa einer Fabrik, zu einem fest ausgehandelten Preis. Da ist dann auch nicht entscheidend, dass der Rheinhafen in Kehl nur eine Mittlere gekappte Windleistungsdichte von > 190 – 250 W/m² im Gegensatz etwa zum > 375 – 515 W/m² auf den höchsten Gipfeln des Schwarzwalds (Quelle: Windatlas Baden-Württemberg).

Die mobile Version verlassen