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»Corona-Rebellen« in Freiburg seit April: Der Versuch eines Rück- und Überblicks

Beim diskutieren mit »Freies Mikrophon Freiburg« am 25.7.2020

Seit Ende April beobachte ich im Grunde jeden Samstag die Kundgebungen, Aktionen und Telegram-Gruppen der Freiburger »Corona-Rebellen«, zunächst meist die auf dem Münsterplatz, aber auch die auf dem Platz der alten Synagoge oder beim Besuch Bodo Schiffmans. Ich habe sogar einmal die Teilnehmer per Fragebogen befragt. Den Leuten vom Freies Mikrophon Freiburg habe ich auch angeboten zu diskutieren, dazu kam es dann aber nicht. Ich versuche eine Einordnung und Zusammenfassung der Aktivitäten der Freiburger »Corona-Rebellen« von Querdenken761 und anderer Gruppen.

Im Märzen der Schwurbler

Zu Beginn hatte ich den Eindruck, dass die Veranstaltungen von Menschen geprägt waren, die direkt durch die von der Landesregierung erlassenen Beschränkungen betroffen waren: Etwa Auftrittsverbote, Verbote das eigene Yogastudio zu betreiben, die Beschränkungen einen Freund nicht sehen zu können, weil der nicht aus der Schweiz einreisen durfte oder auch Angst um den Job im Tourismus-Sektor. Und nicht immer ist nachzuvollziehen, warum das eine erlaubt ist (Frisör), das andere (Piercingstudio) aber nicht. Es gab allerdings auch schon immer einen Zusammenhang mit den Bundesweiten »Hygienedemos« und KenFM-Aktionen.

Ganz zu Beginn waren die Demos weder gut organisiert und es gab zahlreiche Veranstaltungen immer Samstags. Fast schon ikonisch: Die Dame spricht in einen Alulampenschirm. weil kein Megaphon oder ähnliches da war.

Kundgebungen

In Freiburg hatte sich lange Zeit das Kundgebungsgeschehen aufgeteilt. Ganz zu Beginn waren es sogar mehr als zwei Demos. Ich erinnere mich an einen Samstag mit Demos auf dem Münsterplatz, Augustinerplatz, Platz der alten Synagoge und Rathausplatz, die zumindest angekündigt waren. Vom Aussehen nahmen auch sehr diversen Gruppen an diesen Demos teil. Vom 5G-Gegner über Menschen in Kleidung mit rechter Symbolik, bis zum Bürgeriniativen-Publikum.

Eines der Bilder von den »offenes Mikrophon Freiburg« Demos, auf denen lebenslänglich für Drosten gefordert wrude.

Diese »offenes Mikrophon« Demo zog dann vom Rathausplatz um auf den Münsterplatz. Damit wandelte sich auch das Publikum, von einer eher wirren »5G ist gefährlich« Gruppe hin zu einem deutlich rechten Publikum. So trugen die Menschen eindeutige T-Shirts, eine Maske die stark einer NS-Armbinde mit Virus statt Hakenkreuz, nachempfunden war. Dort wurde auch das »Lebenslänglich für Drosten« Schild hochgehalten.

Diese Symbolik wurde dann von Matthias Quent, einem der führenden Forscher auf dem Gebiet, so eingeordnet: „Eine Hakenkreuzarmbinde mit einem stilisierten Virus ist der bildsprachliche Versuch, die aktuellen Maßnahmen mit dem NS gleichzusetzen. Insofern ist das eine Verharmlosung des NS, die findet sich zwar in allen Milieus, ist aber im Kern selbstverständlich »rechts«“

Die Veranstaltung auf dem Münsterplatz war also deutlich rechts. Die Badische Zeitung tat sich mit dieser Einstufung schwer, aber ein Leserbrief von mir hat alle Anzeichen mal zusammengefasst. Davon zunächst abgegrenzt gab und gibt es eine weitere Kundgebung auf dem Platz der alten Synagoge. Hier führte ich eine Fragenbogenstudie zusammen mit einem Freund die Teilnehmenden. Leider hatten wir nur ein kleines Sample, was aber ins Auge stach: Auf dem Platz der alten Synagoge tendierten die Befragten eher in Richtung Öko, auf dem Münsterplatz eher in Richtung rechts.

Auf der »Freies Mikrophon Freiburg«-Kundgebung am 18.7.2020 hielt eine Frau ein Referat über Kindesentführung und Mißbrauch. Dabei zeigte sie auch die »geheimen Zeichen« der Kinderschänder.

Die geheimen Zeichen sehen dem Langnese Logo sehr ähnlich. Das bedenkliche: Diese Leute nehmen das ernst.

Auf den »Freies Mikrophon Freiburg«-Demos tauchten auch immer wieder Q-Anon Symbole und Themen auf. Einen der Freiburger Teilnehmer entdeckten wir auch auf Bildern der Großdemonstration in Berlin am 3.10. mit einer schwarz-weiß-roten Fahne. Er übergab mir auch eine Rede mit Reichsbürgerinhalten, ich sollte die wohl irgendwie gegenlesen.

Frühjahr bis Herbst, die Demos ändern sich

Das war der Zustand eher im Frühjahr. Im Verlauf des Sommers gab es weniger Kundgebungen – »Freies Mikrophon Freiburg« stellte seine Arbeit ein – und es wurden auch gefühlt weniger Menschen, die daran teilnahmen. Zudem wurden die Gegenaktionen weniger. Während es bei den »Freies Mikrophon Freiburg«-Kundgebungen immer wieder zu mehr oder weniger kreativen Störungen kam oder auch zu Gegendemonstrationen, ist das inzwischen auf dem Platz der alten Synagoge nur noch eine Begleitung und Beobachtung. Teils auch mit Anzeigen, etwa bei volksverhetzenden Inhalten oder dem zeigen des Hitlergrußes.

Eine Teilnehmerin der Kungebung auf dem Platz der alten Synagoge am 24. Oktober 2020 wird von der Polizei aufs Revier gebracht, weil sie den Hitlergruß zeigte.

Inzwischen kann man sagen, dass beide Kundgebungen – sowohl die mit rechtem Publikum auf dem Münsterplatz, als auch die »eso-öko«-Publikum auf dem Platz der alten Synagoge fusioniert haben. Auch inhaltlich ist die Fusion gelungen. So hörte man auf dem Platz der alten Synagoge am 24.10.: antisemitisches Geschwurbel über Rothschild und dass diese für den nächsten Lockdown verantwortlich seien (…) Der NS wird durch einen anscheinenden “Impfholocaust” verharmlost, es sei wie 1933. Wahrscheinlich hätten wir noch mehr Beispiele, wenn die Beobachter der Polizei oder Zivilgesellschaft da zuhören würden, was aber wegen Schwurbel und schlechter Musik nicht immer möglich ist.

Bis in den Sommer hinein war die Schweden-Fahne ein wichtiger Teil der Ikonographie. Mit dem Hinweis auf die deutlich schwächeren Beschränkungen in Schweden.

Der Teilnehmerkreis und die Zahl ist im Herbst relativ konstant geblieben. Es sind etwa 150 bis 200 Personen, größte Kundgebung war der Besuch Bodo Schiffmanns mit 350 Personen, teils aber auch bei Regen deutlich weniger.

Es überwiegen Menschen mittleren Alters, Jugendliche oder junge Erwachsene sieht man eher selten, Kinder wenn dann nur in Begleitung ihrer Eltern. Es gab einen Samstag, an dem eine Gruppe von drei 12 Jahre alten Kindern mit dem Rad vorbeifuhren, sich die Reden anhörten und dann zueinander sagten: „Eh die labern Scheiß“ und wieder abzogen.

Die Coronarebellen nutzen viel was früher mal »linke« oder progressive Symbolik war, etwa Regenbogenfahnen oder Schirme. Aber auch klassische linke Protestsongs, wie „We shall overcome“ oder „die Gedanken sind frei“

Der Großteil der Teilnehmer ist bürgerlich bis alternativ-bürgerlich gekleidet, Menschen die man eher im Alnatura oder auch eine Umweltbürgeriniative vermuten könnte. Zumindest aus meiner Befragung, aus dem Gebahren und Auftreten handelt es sich meist auch um Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen. Daneben gibt es eine Gruppe von Menschen mit eindeutiger Kleidung oder Symbolen: T-Shirts rechter Bands, mit tätowierten Armen, vom Auftreten eindeutig rechte Szene. Daneben nehmen auch Mitglieder der AfD, etwa Robert Hagemann, und Simone Schermann, die Gründerin von »Juden in der AfD«, an den Kundgebungen teil.

»Beweissicherungs- und Festnahme-Einheit« der Polizei beobachtet das Geschehen

Die Kundgebungen dauern etwa zwei Stunden. Es gibt Reden, teils von Freiburgern, teilweise aber auch von mehr oder weniger wichtigen externen Personen der Szene. Die Reden schwanken von dumpfer Unzufriedenheit über die Gesamtsituation, zu antroposophischer Ideologie, haben teils (strukturell) antisemitische Anklänge, was auch angezeigt wurden. Daneben werden auch immer wieder – wiederlegte – Falschinformationen über Sterblichkeitsrate, PCR-Tests oder Gefahren von Masken vorgestragen. Dazwischen gibt es grauslige Musik und am Ende wird getanzt.

Maskenpflicht oder so

Das Verhältniss zu den Masken hat sich gewandelt. Während im Frühjahr, siehe Bilder, die Teilnehmden der Kundgebungen teils Maske trugen – wohl weil man dann auch nicht zu erkennen ist – ist nun das »nicht Maske tragen« zentraler Bestandteil der Aktionen geworden. Die Maskenpflicht wird von der Polizei, mal mehr, mal weniger kontrolliert. Teils gab es Veranstaltungen wo wohl dazu extra die BFE schneidig mit Helm und Barett anwesend war, teils sieht man davon komplett ab. Inzwischen haben aber auch fast alle Teilnehmer ein »Attest«, das sie »befreit«.

Screenshot aus der Telegramm Gruppe zur Maskenpflicht

Telegram Gruppen

Die offen zugängliche Telegramm-Gruppen ist eine bunte und unübersichtliche Mischung aus Reichsbürgerthesen, Reposts aus anderen Gruppen, etwa von Attila Hildmann, Antisemitismus, Aufrufe zu Aktionen oder auch Diskussionen und immer wieder Links zu unterschiedlichen YouTube–Videos.

Für die »Information« scheinen in der Gruppe YouTube-Videos und andere Telegramm-Kanäle (Markus Haintz, Ken Jebsen, Bodo Schiffmann, Baghdi-Fanclub Bittel TV) eine zentrale Rolle zu spielen. Gelegentlich wird auch mal der Link auf ein Interview oder Artikel mit einem der ihren aus der »Mainstream-Presse« geteilt, aber nur wenn es ihre Ansichten bestätigt. Zu Beginn der Maskenpflicht gab es auch immer wieder Frage nach Ärzten, die Befreiungsatteste ausstellen können, die Antworten darauf kamen meist in Direkt-Nachrichten.

In diesen Telegrammgruppen war ich mit meinem Klarnamen, ich wurde zwar identifiziert, aber nicht bedroht. Die größere von beiden »Querdenken (761 – Freiburg)« hat, Stand heute 13.11.2020, 495 Mitglieder, die etwas kleinere »Frei Sein Freiburg« hat 393 Mitglieder. Für Interessierte werden weitere Gruppen eingerichtet, etwa für Mahnwachen oder zur Organisation von »Maskenfreiem Einkaufen«.

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Aktionsformen

Neben der Hauptkundgebung am Samstag gibt es eine Reihe von weiteren Aktionsformen, die die Corona-Leugner* entwickelt haben.

Wahnwachen

Jeden Montag um 18:00 auf dem Platz der alten Synagoge gibt es seit Anfang November Mahnwachen. Dabei stehen ca 30 Personen mit Kerzen rum und sind empört wenn man sie fotografiert.

Shopping ohne Maske

Ebenfalls seit Anfang November gibt es immer mal wieder Aufrufe Shopping ohne Maske zu betreiben. Dabei treffen sich ca 15–30 Menschen in der Stadt, tragen keine Maske, werden dann von der Polizei angesprochen, Personalien notiert und gehen dann ohne Maske Flyer in Geschäften verteilen. Bei einer dieser Aktionen nahm D. Mandic teil.

Erschreckend war einzig an dieser Aktion, das hier auch eine Gruppe von vier Teenagermädchen teilnahm, die als ich ein Bild der „Menge“ machte, mich bei der Polizei anzeigten, nach „Rechts“-Beratung durch Mandic.

Aktionen vor Schulen

Über die Monate, besonders seit dem Beginn des Schuljahres gab es im Telegramm-Kanal immer wieder Aufrufe für Aktionen vor Schulen. Wenn es sie gab, waren sie nicht besonders erfolgreich. Denn der einzig konkrete Hinweis war dieser Post in ihrer Telegramm-Gruppe.

Wenn es Rückmeldungen bzw. Erfolg bei Schüler*innen gegeben hätten, hätten sie das sicher hier geschrieben. Vielleicht ist es auch nur seltsames »Virtue Signalling«. Screenshot aus der Telegramm-Gruppe.

Soweit ich Kinder und Jugendliche bisher beobachtet habe, die im Kontext der »Corona-Rebellen« aufgetaucht sind, waren diese in der Regel von ihren Eltern »inspiriert«.

Kranzniederlegungen

Niederlegen von Kränzen vor Institutionen und Schulen.

Seuchentheater

Sicherlich eine der eindrucksvolleren Aktionen, von der bisher in der Region Freiburg ein Beispiel vorliegt ist eine Art: Bizzares Seuchentheater (Hinweis). Dabei geht eine Gruppe verkleideter Menschen, entweder weiß in Schutzanzügen oder schwarz mit Pestmasken durch belebte Orte und ruft dabei „Gehorche, Halte Abstand, sei Untertan“ oder ähnliches.

Die »Corona-Rebellen« haben eine Reihe von Aktionsformen adoptiert, die bisher eher linken Gruppierungen vorbehalten waren.

Themen

Jede Bewegung hat Themen, die die Leute mobilisieren. Nachdem dies im Frühjahr die persönlich Betroffenheit, häufig auch wirtschaftliche Einbußen waren, haben sie die Aufreger Themen nun gewandelt:

Da ist zum einen die Maskenpflicht, besonders die Pflicht von Kindern an Schulen Masken tragen zu müssen. Diese Maskenpflicht kommt immer wieder in den Reden vor und ist auch bei vielen scheinbar ein Grund warum sie sich »politisiert« haben.

Bild aus dem Frühjahr.

Impfen und Impf-Pflicht. Bereits im Mai gab es – obwohl noch kein Impfstoff absehbar war – eine Debatte in Deutschland über eine mögliche Impf-Pflicht; in Baden-Württemberg etwa von der CDU-Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann geführt, aber auch von Markus Söder. Auch zu diesem Zusammenhang tauchten immer wieder Plakate oder Transparente auf bzw. gab es Redebeiträge.

Fazit

Rechte Gruppen haben sich von Anfang an immer unter diese Rebellen gemischt und sind inzwischen fester Bestandteil dieser Gruppierungen. Abgrenzungversuche gibt es keine. Es vermengt sich ein öko-esoterisch, antroposophisches Milieu mit einem rechten. Ob diese vorher schon so getrennt waren, sei mal dahingstellt.

Die Badische Zeitung Lokalredaktion hat Anfangs darüber berichtet, fiel dann aber auf die „ne wir sind keine Nazis“-Aussage mehr oder weniger rein. Sonst finden diese Rebellen aber nur in ihren eigenen Telegramm Kanälen, bizzaren Aktionen und von ihnen organisierten Leserbriefen statt.

Die Teilnehmenden der Kundgebungen kennt man inzwischen fast alle vom sehen, ich habe nicht den Eindruck, dass es mehr werden. Das Potential in der Region dürfte auf die 350 Personen beschränkt sein, die an einem Mittwoch Morgen Bodo Schiffman lauschten. Diese Anzahl scheint weder zu wachsen, noch zu schrumpfen.

Viele bürgerliche Gruppen in der Stadtgesellschaft sehen dem Treiben bisher sprachlos zu. Es gibt keine ablehenden Kommentare von Oberbürgermeister, Gewerkschaften, Parteien oder Kirchen. Gerade bürgerliche Institutionen scheinen sich schwer zu tun. Der Protest und Gegenaktionen kommen entweder von Radio Dreieckland, KTS-nahen Gruppen, „der PARTEI„, sonst scheint man sich vornehm zurück zuhalten.

Das gefährliche an den »Corona-Leugnern« ist derzeit nicht ihre Größe oder Stärke. Durch ihre Öffnung bzw. Übernahme von Rechts haben sie sich auch die Anschlußfähigkeit hin zu anderen Gruppen zerstört. Es achtet geradezu jeder der ein wirkliches Anliegen hat, peinlich darauf nicht mit ihnen in Verbindung gebracht zu werden. Aber sie delegitimieren mit ihren Aktionen, die Anstrengungen und Entbehrungen der Mehrheit: Warum soll ich eine Maske tragen, auf Freunde treffen verzichten, Verlust machen, … Wenn man hier ohne Maske demonstrieren darf? Diese Frage ist nur schwer zu beantworten.

Auf ihre Grenzübertretungen – etwa Einkaufen ohne Maske oder Demos ohne Maske und fadenscheinige Atteste – reagierten Staat und Polizei sehr zurückhaltend. Es ist zu befürchten, dass diese Zurückhaltung als Ermutigung gesehen wird.

Gleichzeitig haben ihre Demos einen möglicherweise paradoxen Effekt: Auch wenn es bisher keine Beweise gibt für Superspreader-Events durch »Corona-Leugner«-Demos, dann haben sie doch das Potential und führen dazu, dass sich der Staat gezwungen sehen könnte, die Beschränkungen noch zu verschärfen. (siehe dazu „Eigentore von Corona Rebellen“)


¶ Ich verwende die Begriffe »Corona-Leugner« (weil viele die Existenz des Virus leugnen), »Corona-Rebellen« (als eine Selbstbeschreibung) und manchmal auch »Querdenker« (weitere Selbstbeschreibung) im Text synonym.

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