Teilhabe durch Weiterverwendung gebrauchter PCs

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Ich habe für den Chaos Computer Club Freiburg e.V., zusammen mit Schwere-(s)-Los! e.V. und Kommunikation und Medien e.V., einen gemeinsamen offenen Brief an die Schul- und Umweltbürgermeisterin der Stadt Freiburg und den Schuldezernenten des Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald geschrieben.

Der CCC Freiburg und die beiden anderen Institutionen haben in den vergangenen Monaten über 400 PCs ehrenamtlich aufgearbeitet und an Bedürftige weitergegeben. Das war unbedingt notwendig um soziale Teilhabe in der Pandemie zu sichern. Aber rein ehrenamtlich ist das nicht möglich.

Brief im Originaltext:

 

Betreff: Teilhabe durch Weiterverwendung gebrauchter PCs

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Buchheit, sehr geehrter Herr Dezernent Wisser,
Sehr geehrte Damen und Herren des Stadtrats und Kreistags,

Wir schreiben Ihnen heute, anläßlich des Freiburger Digitaltags am morgigen Freitag, um auf ein wichtiges Thema hinzuweisen: Seit Beginn der Coronapandemie wenden sich immer wieder Bürger*innen an unsere Einrichtung, mit einem Bedarf an digitalen Geräten, meist PCs oder Laptops.

Diese Bedarfe sind im Jahr der Pandemie deutlich gestiegen: Viele Angebote im Bildungsbereich, ob nun Schule, VHS, Nachhilfe, im kulturellen Bereich, aber auch Vereinssitzungen, private Treffen, Fortbildungen oder Ähnliche wurden aus Gründen des Infektionsschutzes von physischer Präsenz ins „Digitale“ verlagert.

Seit vielen Jahren werden immer mehr Dienstleistungen – im privaten, öffentlichen wie im kommerziellen Bereich – kostengünstiger über das Internet angeboten. Auch finden Terminvergaben für Ärzte, Impfungen, Ämter und viele andere wichtige Lebensbereiche inzwischen über Internetportale statt.

Gerade Wohnungslose, Krisenerfahrene, Frauen, die vor ihrem Mann geflüchtet sind, Geflüchtete, körperliche Beeinträchtigte, Menschen mit geringem Einkommen, in Altersarmut und viele andere Gruppen, haben keinen Zugang zu digitalen Endgeräten und damit zu digitalen Angeboten.

Auf der anderen Seite liegen in privaten Haushalten, Firmen, Behörden und anderen Institutionen häufig noch junge PCs, Laptops und Endgeräte herum, die zwar keine Spitzenleistungen mehr erzielen, aber für gängige Anwendungen wie Anzeigen von Webseiten, Textverarbeitung, E-Mails verschicken, inzwischen aber auch für Videokonferenzen durchaus geeignet sind.

Das führte dazu, dass seit Oktober 2020 immer wieder Menschen, aus unterschiedlichen Gründen bei uns vorsprechen, uns ungefragt ihre soziale Situation und Lebenswege erklären und um Hilfe bitten. Durch großartige Spenden Freiburger Firmen, Einrichtungen und Bürger*innen waren wir in der Lage diesen Bedarf in aller Regel zu befriedigen. Die Spenden wurden durchgesehen, bewertet, aufgearbeitet, darauf befindliche Daten der Vorbesitzer*innen gelöscht und ein leistungsfähiges Lubuntu Linux System installiert. Dabei entsteht pro Gerät etwa ein Zeitbedarf von einer Personenstunde.

alte Pcs werden beim CCC FR aufgearbeitet und weitergegeben an Bedürftige.

Dabei löschen wir die Festplatte oder ersetzen sie sogar durch eine SSD, prüfen die Funktionsfähigkeit des Gerätes, entstauben den Rechner. Teilweise haben wir aus Spendengeldern auch noch Zubehör dazugelegt, wie Webcams und Headsets. Wir geben diese Geräte unter Ausschluss von Garantie, Gewährleistung und Haftung kostenfrei und niedrigstschwellig an die Empfänger*innen ab.

Sowohl der Bedarf als auch der Aufwand übersteigen aber im Moment, was wir ehrenamtlich leisten können, auch das Lagern dutzenden Geräten hat enormen Platzbedarf.

Bei den Gesprächen mit den sehr dankbar Empfangenden merken wir auch immer wieder, dass diese – auch Jugendliche – durch die Teilhabepakete durchrutschen. Weil etwa pro Familie nur ein iPad zur Verfügung gestellt wird, weil für das Ausleihen des Tablets eine Kaution bei der Schule hinterlegt oder eine Hülle aus Eigenmitteln bezahlt werden muss. Oder auch weil etwa eine Versicherung oder die Voraussetzung ist oder andere Hürden – teils unbewusst – aufgebaut werden.

Aus unserer Sicht ist es daher unerläßlich, dass Verwaltungen und Gemeinderat/Kreistag hier eine unkomplizierte und niederschwellige Lösung, zusammen mit den ehrenamtlich engagierten erarbeiten, und die Weitergabe solcher Geräte an Bedürftige ermöglichen. Auch im Sinne der finanziellen und ökolgischen Nachhaltigkeit. Alle 400 Geräte, die der CCC Freiburg, zusammen mit der Computertruhe und Schwere-(s)-Los allein seit Anfang 2021 weitergeben konnten, wären dann in aller Regel verschrottet worden oder würden noch viele Monate ungenutzt in Regalen verstauben.

Wir schlagen vor, eine Stelle zu schaffen, die nahe einer bestehenden Beratungsstellen andockt, dort Räumlichkeiten für Annahme und Lagerung und Ausgabe erhält. Diese Stelle würde idealerweise an dem bestehenden Strukturen zum Ehrenamt, den Nothilfeeinrichtungen oder dem Amt für Digitales und IT (DIGIT) angesiedelt – sollte aber im wesentlichen davon unabhängig arbeiten.

Schwere(s)Los hat bereits seit einer Weile versucht, über mehrere größere Anträge, Gelder für eine Stelle einzuwerben, z.B. beim BAMF (weil viele Flüchtlingsfamilien in Not sind), ebenso bei der Postcode- und der Telekomstiftung. Das BAMF hat abgelehnt, die beiden anderen stehen noch aus. Es gab auch ein Gespräch Ende letzten Jahres mit der Digitalisierungsstelle der Stadt, auch diese konnte nicht weiterhelfen und vom AMI (Amt für Migration) wurden dann 2.000 € für Computerteile gespendet. Was allerdings, die strukturellen Probleme und den Personalaufwand nicht deckt.

Für Rückfragen stehen wir Ihnen selbstverständlich gerne zur Verfügung, bitte bestätigen Sie den Eingang dieses Schreibens. Eine Mehrfertigung dieses Schreibens an die demokratischen Fraktionen des Freiburger Gemeinderates, des Kreistags Breisgau-Hochschwarzwald und die Freiburger Medien.

mit freundlichen Grüßen

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