Impfterminservice.de oder wie erzeuge ich unnötigen Frust bei Impfwilligen

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Die Verteilung der Impftermine in den Impfzentren läuft in Baden-Württemberg, Brandenburg, Hessen, NRW und Sachsen-Anhalt über die von kv.digital GmbH einer Tochter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung betriebenen Website: Impfterminservice.de. Diese sind von den politischen Vorgaben des Bundes, aber vor allem der Länder abhängig. Sprich: Features, die die Länder bestellen, kommen dann irgendwann. Und gegen zu wenig Impfstoff, kann natürlich auch eine leichter zu bedienende Website nichts tun. (Artikel enthält Updates)

Wenn es Termine gibt, läuft die Verteilung so: Ich gehe auf die Startseite und wähle mein Bundesland aus und dann mein Impfzentrum. Hier fehlt dann schon der Hinweis, auf andere Bundesländer. Das ganze heißt impfterminservice.de und sollte dann ja wenigstens verlinken, wie ich einen Termin in Sachsen, NRW, Schleswig-Holstein oder Brandenburg bekomme. Dann werde ich mit einer unübersichtlichen Liste konfrontiert, die nach Postleitzahlen geordnet zu sein scheint. Ist ja nicht, so das Websiten heuzutage wissen können, wo man ist und dann die nächst gelegenen Einrichtungen anzeigen können. Geordnet ist das ganze, dann nicht nach Landkreisen, obwohl es einer Landkreis Logik folgt, sondern nach Orten. Eine Suche nach Anfangsbuchstaben scheint es nicht zu geben.

Das ist schon wenn es Termine und Impfstoff gibt, nicht besonders übersichtlich gelöst. Als erstes sehe ich in der Liste einen Wust an Postleitzahlen, suchen kann ich deshalb auch nicht indem ich etwa den ersten Buchstaben des Impfzentrums oder Landkreises eingebe, geschweige denn eine automatische Erkennung meines Standorts, damit dich dann dieses Zentrum als erstes angezeigt bekomme. Habe ich das ausgewählt, warnt mit dann ein Text: „Bitte notieren Sie Ihre Auswahl

Ich klicke dann auf zum Impfzentrum und bekomme dann einen Screen der mich fragt: „Wurde Ihr Anspruch auf eine Corona-Schutzimpfung bereits geprüft?„, klicke ich jetzt auf „Nein“, kommt im Moment erste eine Lupe und dann eine Nachricht: „Es wurden keine freien Termine in Ihrer Region gefunden. Bitte probieren Sie es später erneut. Sobald genügend Impfstoff und die entsprechenden Kapazitäten vorhanden sind, werden die Impfzentren weitere Termine einstellen“

Termin plötzlich doch weg

Ein weiteres Problem ist, dass man freie Termine angezeigt bekommt, sich durchklickt und dann der Termin plötzlich weg ist. Es also scheinbar während der Daten Eingabe, dann keine Reservierung dieses Termins gibt. Auch das macht Frust.

Hat man einen Termin, hat man es geschafft zwischen sechs e-Mails und einer SMS Bestätigung hin und herzuwechseln. So muss man etwa mehrfach bestätigen, das man den Termin auch will. Selbst wenn man einen Termin bekommt, ist es eine überflüssige und nicht niederschwellige Klickerei.

Keine Übersicht über freie Termine

Bin ich nun entschlossen, zügig einen Termin zu bekommen, muss ich mich in allen Impfzentren des Landes so jeweils durch klicken oder jeweils mehrere Fenster im Browser offen haben. Denn nirgendwo gab es im System eine Übersicht, ob und wo es noch welche freien Termine gab. Die mangelnde Übersicht übernahmen dann private Initativen wie zunächst impfterminmonitor.de. Sein Angebot wurde dann aber bewußt von der KV digital unmöglich gemacht, in dem die Zugriffspunkte abgeschaltet wurde. Die offizielle Begründung war: „nicht von schädlichen Aufrufen unseriöser Programmierer zu unterscheiden„. Wobei man sich fragen kann, ob die Last und Aufrufe durch unseriöse Programmier nicht dadurch entstand, das Leute selbst mit vielen Geräten versuchten einen Termin zu ergattern oder sich selbst Skripte geschrieben haben um das zu tun.

Immerhin entstand durch diese Websites eine gewisse Transparenz in der Terminvergabe. Es wurde nämlich deutlich wann die Impfzentren Termine freischalten und wie lange die frei blieben. Aber auch hier war quasi ein Windhundverfahren notwendig, wer gerade am PC saß, wenn Termine frei waren, der konnte buchen. Als dies Anfang Februar bekannt wurde, schaltete die Landesregierung eine Warteliste, die aber nur über die Telefonhotline zugänglich war frei und 305 000 Menschen versuchten die 116 117 anzurufen und 20 300 Anrufer seien sogar durchgekommen, berichtete die Stuttgarter Zeitung.

impfterminübersicht.de läßt wenigstens erahnen wann es freie Termien geben könnte.

Nachdem mein Artikel Online ging, gab es twitter Diskussionen mit den Betreibern kv.digital. Die darauf verwiesen, eine solche Übersicht, sei von den Bundesländern nicht gewollt.

Eine Warteliste auf die man über die Website kommt, gibt es bis heute nicht.

Wäre ja auch für die Impfzentren zu einfach, wenn es viele No-Shows gibt, dann einfach über eine Warteliste Leute anrufen zu können. Aber das würde dann daran scheitern, das man ja gar keine Telefonnummern von den Leuten hat. Wenn man nun eine Telefonnummer hätte, dann könnte man ja den Leuten am Tag vor dem Termin eine Erinnerung schicken oder wenn sie nicht da waren, sogar eine Erinnerung und sie bitten den Termin abzusagen. Das würde die No-Shows reduzieren. Die Impfzentren haben sich dann damit beholfen selbst Wartelisten anzulegen oder einfach am Abend die Termine, für die keiner kam, am nächsten Tag durchzuführen. Impfstoff ging da sicher keiner verloren, weil man ja nicht alle Impfdosen am morgen auftaut und aufzieht, sondern immer nur so viel wie man für die nächste Stunde oder so braucht und dann gegen Schichtende nur noch einzelne Dosen verteilt.

Übersicht die Zweite

Aber Sperren, wie sie KVdigital eingebaut hat, kann man übergehen. So gibt es die vom 17-Jährigen Julian Ambrozy: impfterminübersicht.de und impfterminradar.de von einem Unternehmer Matthias Nösner.Flyer und mehr Infos dazu auf meinem Blog. Derzeit zeigen aber alle diese Übersichtsseiten, dass es nirgends Termine gibt. Da derzeit mal wieder wenig Impfstoff vorhanden ist, fließt der bei den Impfzentren in die Zweitimpfungen.

Immerhin soll es nun auch auf bei Impfterminservice eine Übersicht geben.

Irreführende Anspruchsprüfung

Auch die „Anspruchsprüfung“ ist irreführend, lange Zeit musste man eine Altersangabe eingeben oder klicken, dass man Teil einer Gruppe war, die in einem langen Text aufgeführt wurde. Leider war dieser Text oft nicht mit der wirklichen Berechtigung im Einklang und irreführend. Es kann dann sogar sein, das ich einen Vermittlungscode bekommen habe, aber mit diesem Vermittlungscode nicht in der Lage war einen Termin zu buchen oder ich bis zur Terminbuchung vordrang, dann aber im Moment in dem ich auch bestätigen geklickt habe, der Termin schon weg war. Auch das erhöht die Frustration.

Übrigens kamen immer wieder Leute an die Tür der Impfzentren, die argumentierten, sie hätten doch die Anspruchsprüfung durchgeführt und hätten einen Anspruch, aber es dann doch nicht waren. Allerdings war die Anzeige der Berechtigungen auch immer sehr verwirrend, teilweise waren auf der impfen-bw.de Website andere Leute als Anspruchsberechtig angegeben als auf der Impfterminservice Seite. Teilweise war es so verwirrend, das auch die Menschen an der Anmeldung – die auch nicht wirklich ein gelernt waren – nicht wussten wer nun berechtigt war und nicht.

Barrierefrei war die Website übrigens nie:

Auch auf Beschwerden, hat KV.digital nie reagiert. Es fehlen halt Dinge wie: Alternativtexte für Bedienelemente und Grafiken, es gibt keinen sichtbarer Fokus, es fehlen Alternative für komplexe Zeigergesten und auch die Hauptsprache ist nicht angegeben.

Umbuchen und No-Shows

Mit Fortschreiten der Impfkampagne gibt es nun ein weiteres Problem. Anfang des Jahres gab es nur einen Biontech, der wurde in einem Abstand von drei bis fünf Wochen verimpft, also relativ überschaubar und wer den bekommen hat, war so froh, dass er natürlich jeden Termin und Zweittermin genommen hat. Jetzt gibt es Leute die hatten im März ihren ersten Termin Astra und jetzt ihren zweiten Termin. Jetzt kann es durchaus sein, das man seinen ersten Termin genommen hat ohne auf den Zweiten zu schauen und dieser aus vielen guten Gründen (Geburtstag der 93 Jahre alten Oma, Prüfung, Selbsthilfegruppe außerhalb, …) ungünstig liegt und man den umbuchen will. Das ist im Grunde nur durch die Impfzentren möglich, die unter der Last dieser tausenden Anfragen ächzen.

 

Zwar gibt es auf der Website von Impfen-BWe eine Anleitung, aber über diese Funktion kann ich zwar den zweiten Termin absagen, aber mir nur dann einen neuen Zweittermin buchen, wenn es auch welche im System gibt. Und um neu zu buchen, muß ich den alten Termin absagen und kann mich dann in die Neubuchungslotterie begeben. Selbst wenn ich mich an das Sozialministerium wende, das auf seiner Website schreibt: „aus triftigem Grund (z.B. Erkrankung, Krankenhaus-Aufenthalt oder Quarantäne) zum Zweittermin verhindert sind, können sich per E-Mail an zweittermin-impfen@sm.bwl.de wenden. (…) Wir weisen vorab ebenfalls darauf hin, dass aufgrund der hohen Nachfrage nach Impfterminen und gleichzeitig nach wie vor zu wenig Impfmöglichkeiten nicht gewährleistet ist, dass der Zweittermin im gewünschten Zeitraum und innerhalb des empfohlenen maximalen Abstands zwischen der 1. und 2. Impfstoffdosis stattfinden kann.“

Auch sich einfach zwei passende Ersttermine zu buchen geht teils nicht, weil Impfzentren dann teils ablehnen zu impfen.

Sicherheitsprobleme

Scheinbar kann man die Handynummer mit „0“ bei der Vorwahl eingeben und einmal ohne, dann bekommt man doppelt so viele Codes für die Terminvermittlung. Dadurch kann man die Vermittlung von Terminen automatisieren. Bei einer anderen Software gab es in Schleswing-Holstein kommerzielle Angebote, gegen die die KV vorgegangen ist. IT Experten erklärten gegenüber mir, dies sei theoretisch auch in Baden-Württemberg machbar. Denkbar wäre dann eine Mischung aus Puppeteer, Headless Chrome und anderen um „Klicks“ auszuführen und einem Reverse Proxy, der für die statischen Inhalte, eigentlich nur das HTML der Seite, statt den Warteraum das vorher gespeicherte HTML ohne Warteraum zurück gibt. Dies habe der Experte auch schon mit gängigen Debugging-Tools, die lokal wie ein Web-Proxy arbeiten ausprobiert. Zwischenzeitlich hatte Kv.digital wohl auch eine Bot Detection am laufen, dajer man mußte „echt“ auf „Termine Suchen“ klicken, aber das ließe sich irgendwie überlisten, etwa mit einer virtuelle Maus an einem VM-Server.

Backend

Das sind nun alles die Probleme, die jeder der versucht einen Termin zu bekommen, erlebt. Zu den Problemen im Back-End will ich nicht so viel sagen. Hier spielt neben dem Terminbuchungsystem noch eine zweite Software hinein. esQlab wird von einer gradient.Systemintegration GmbH hergestellt. Das stammt wiederrum von einer Gruppe die Software für Arztpraxen und Krankenversicherungen liefert. Auch hier gibt es einige fehlende Funkionen: Etwa scheint es nicht möglich zu sein die Datensätze nach Zweitterminen zu filtern, so dass die Ausdrucke davon manuell sortiert werden müssen.

Fazit


Das ganze scheint einen sehr trägen Entwicklungsprozess  zu haben, auch wurden Vorschläge von außen blockiert, selbst wenn sie freundlich und mit Lösungsangeboten oder dem Angebot ehrenamtlicher Mitarbeiter verbunden waren. Das ist befremdlich und man hat den Eindruck, die Verantwortlichen wollen vielleicht gar keine gute und leicht nutzbare Website haben, weil dass dann das Geschäft der Hausärzte schmälern könnte.

 

 

 

 

 

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One Response to “Impfterminservice.de oder wie erzeuge ich unnötigen Frust bei Impfwilligen”

  1. msch Says:

    Ein paar Anmerkungen dazu:

    1) Bei mir hat alles recht gut funktioniert – ich habe schnell einen Termin bekommen, bin aber auch recht fit mit Computern und kann daher (und dank HomeOffice) viel suchen

    2) Die von dir beschriebenen Probleme mit der Suche nach Terminen kann man über Lesezeichen wunderbar abkürzen – einfach die passende Seite als Lesezeichen setzen und bei Aufruf sucht die Seite nach einem Termin für das passende Impfzentrum. Das wird aber null kommuniziert – und daher müssen zigtausende Menschen sinnlos durch den Ring in der Manege springen.

    3) Ich habe immer noch nicht verstanden, ob ein Vermittlungscode jetzt nur für ein Impfzentrum gilt oder für mehrere – mal funktioniert er auch in anderen, mal nicht und am Ende ist das halt auch ein idiotisches System, weil man natürlich von Freiburg aus auch problemlos in Müllheim, Kenzingen oder weiter suchen kann. Die Impfzentren sind ja erreichbar.

    4) Die fehlende Warteliste ist wirklich ein Ärgernis. Wenigstens als optionale Möglichkeit wäre es wirklich nett, wenn man sich den nächsten freien, verfügbaren Termin anhand der entsprechenden Prio sichern könnte. Gerade Rentner haben ja im Prinzip immer Zeit.

    5) Eigentlich sollte ja klar sein, dass der Anspruch und die Priofreischaltung nicht aufgrund irgendwelcher Angaben auf Webseiten erfolgt, sondern halt durch die offizielle Kommunikation der Landesregierung. Da hat man natürlich einen Anspruch, auch wenn es nicht offiziell auf 116117 steht

    6) Richtig idiotisch war die Ankündigung, dass die Prio 3 sich „ab Montag nächster Woche“ Termine buchen kann. Denn natürlich war es überhaupt kein Problem für die Prio 3 sich dann auch in der Vorwoche schon Termine zu klicken für die darauf folgende Woche. Ich kenne viele, die das so gemacht haben und da siegt dann die Dreistigkeit etwas. Das war schlecht kommuniziert.

    Ich habe dann irgendwann URLs für die drei Impfzentren im Freiburger Umland gebookmarkt und konnte damit regelmäßig und ohne großen Aufwand die Termine suchen und finden. Es geht, es ist aber schade, dass dies nicht vernünftig kommuniziert oder programmiert wird. Schon mit einem einfachen Popup, in dem steht „Legen Sie diese Seite als Lesezeichen fest und suchen Sie dann mit einem Klick Ihre Termine“ wäre vielen geholfen

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