Tour de Ruhr

(Die Strecke von Krefeld Hüls Betriebshof nach Witten-Heven Dorf)

Das Ruhrgebiet mit der Straßenbahn zu durchqueren, eine verrückte Idee, aber machbar. Besonders in Zeiten des 9-Euro-Tickets sucht man ja nach Bahntouren, die nicht überlaufen sind, aber dennoch Spaß machen.

Die inoffizielle Liniennetzkarte der Straßenbahnen im Ruhrgebiet. Eine offizielle Karte gibt es nicht – symptomatisch für die Qualität des ÖPNV an vielen Stellen – Quelle: reddit.

Angeregt von einer Diskussion bei Drehscheibe Online, habe ich es am Freitag 17.6.22 selbst versucht. Meine Route war, in einer Abwandlung, da sich seit 2009 auch im ÖPNV des Ruhrgebiets etwas getan hat:

Linievon nachBemerkung
044Krefeld-Hüls BetriebshofKrefeld RheinstraßeAbfahrt 9:49
041Krefeld RheinstraßeKrefeld GrundendHier wäre ein direkter Umstieg möglich gewesen.
U76Krefeld GrundendDüsseldorf Heinrich-Heine-Straße
U79Düsseldorf Heinrich-Heine StraßeDuisburg HbfDie Fahrt wurde unterbrochen, da die Bahn umkehrte.
901Duisburg HbfMüllheim Stadtmitte
104Müllheim StadtmitteEssen Abzweig Aktienstraße
105Essen Abzweig AktienstraßeEssen Hauptbahnhof
107Essen HauptbahnhofGelsenkirchen Hbfsog. Kulturlinie
302Gelsenkirchen HbfBochum Laer
310Bochum LaerWitten-Heven DorfAnkunft 19:49
Die Route durch das Ruhrgebiet

Abfahrt in Krefeld Betriebshof – von dem ist nichts mehr Übrig und der erste Teil der Strecke ist auch eingleisig. In Krefeld schwanken die Straßenbahnen so, das man denkt, man sei auf einem Schiff, auch wenn man genauer hinschaut, dann ist etwa der Oberbau schon ein wenig defekt.

Leider merkt man das ÖPNV über viele Jahre im Ruhrgebiet nicht der Fokus war, viele der Situationen an Haltestellen oder entlang der Strecke ließen sich durch einfache Maßnahmen, etwa nivaugleiche Einstiege, dann hat man auch wirklich Niederflur, Ampeln vor den Haltestellen, eigene Gleiskörper, etc.. leicht und einfach verbessern.

Haltestelle in Mitten des Verkehrs ohne Bank oder Häuschen, Oberbau der mal wieder sauber gemacht oder richtig begrünt werden könnte, Niederflurbahn aber Einstieg zwischen wartenden Autos.

Das war die Situation in Krefeld. Bewusst habe ich mich entschieden nicht direkt in der Rheinstraße – das ist quasi der Bertholdsbrunnen von Krefeld direkt in die U-Bahn umzusteigen, sondern noch ein wenig mit der Linie 041 weiter zu fahren. Im Ruhrgebiet sind alle Buslinien, Straßenbahnlinien nach einem Schema durchnummeriert. Daher gibt es etwa im Fahrplanbereich 1: Gelsenkirchen / Essen / Mülheim, die Linie 107. In Krefeld haben sie alle eine 0 vorne weg. U-Bahnen haben wiederum ein U.

Allerdings sind die U-Bahnen im Ruhrgebiet, eigentlich Hochflur Stadtbahnen, die dann mal auch im Tunnel verkehren, meist aber oberirdisch teils Straßenbahnähnlich, teils auf eigenem Gleiskörper. Allerdings ist so eine Hochflurhaltestelle im Stadtkörper nicht unbedingt gut unterzubringen. So dass teilweise die Fahrgäste über eine ausklappbare Treppe zusteigen müssen.

Natürlich ist so eine Reise nicht ganz ohne Zwischenfälle, wir hätten da:

  • In Krefeld den Fahrer der aus der Kabine raus ging und durch die Bahn rief, wir sollten alle aussteigen, vor ihnen sei „alles kaputt, Unfall, Bum“ um dann ca 5 minuten später ohne uns weiterzufahren.
  • Mindestens einen Einsatz eines Rettungswagens, der so eng parkte, dass die Bahn erst die Spiegel einklappen mußte.
  • Ein Fahrer in Düsseldorf, der uns mitteilte, das er wegen der Verspätung nun hier in Wittaler mit der U79 kehrt machen müsse. Wir sollten doch in die nächste umsteigen.
  • Wagenmaterial aus den 1970er Jahren, welches man vielleicht mal renovieren könnte.
  • Hauptbahnhöfe und deren Umfeld, die lieblos und heruntergekommen wirkten.

Insgesamt, kann man sagen, das es viel zu tun gibt. Alles Dinge die man mit Geld, politischer Priorität (eventuelle wegfallende Parkplätze oder Hindernisse für den Autoverkehr) beheben könnte. Auch Liniennetzpläne haben noch keinem geschadet.

Gibt sogar einen Film bei TramTV.

Leider hat der Straßenbahn ÖPNV nicht mehr seine größte Ausdehnung, Streckenstillegungen in den 1950/60er Jahren, der Versucht eine Normalspur Stadtbahnnetz aufzubauen und auch der Versuch die Bahnen kaputt zu sparen (in Müllheim) sorgen dafür, dass man früher noch weiter hätte fahren können. Bis 1955 konnte man per Straßenbahn sogar von Bad Honnef bis nach Unna fahren, dann wurde Opladen – Solingen-Ohligs, die Bahnen des Rhein-Wupperkreises stillgelegt.

Aber weiter zu unserer Reise. Auch wenn es heute kein Speisewagenabteil in den Stadtbahnen mehr gibt, wie noch in diesem Artikel des Straßenbahn Magazin von 2013 (!), fuhr ich weiter nach Düsseldorf.

Schlange stehen vorm Cartier in Düsseldorf auf der Kö.

Der Kulturschock erreicht einen dann, wenn man aus der U-Bahn Haltestelle Heinrich-Heine-Straße aussteigt. Während Krefeld schon deutlich den Charm des West-Deutschen Niedergangs ausstrahlt, stehen in Düsseldorf die Leute vor dem Edeljuwelier Cartier Schlange. Der Nahverkehr ist hier zumindest baulich saniert, neue Haltestellen, guter Gleiskörper.

Von dort weiter nach Duisburg. Allerdings nicht ganz ohne Hindernisse. Ein Teil der Strecke scheint eingleisig zu sein, die U79 erscheint auf keiner Fahrgastinfo und so beschließe ich bis Freiligrathplatz mit der U78 zu fahren und dort, nach einem kleinen Fußweg auf die U79 umzusteigen. Vor der Fahrt nach Duisburg, gibt es dann noch das Hindernis mit dem unerwarteten Stopp in Wittlaer. Bevor wir Duisburg erreichen geht die Fahrt durch viel Gründ und Felder. Ab Duisburg allerdings nicht mehr:

Die Linie wird zur gesichtlosen Hochbahn, wir durchfahren Stationen in dunklen Betonhallen mit vielen uneinsehbaren Ecken – und nahe der erst vor einigen Jahren neu gebauten Station St.-Anna-Krankenhaus in?Duisburg-Huckingen sogar einen nie genutzten und halb verfallenenen Geisterbahnhof!
Hier hat sich der Stadtbahnwahn der frühen 1970er-Jahre ausgetobt. Diese Bauweise hat die Unterhaltungskosten in die Höhe getrieben und führt inzwischen zu Diskussionen, ob mittelfristig verschiedene Stadtbahnlinien im Ruhrgebiet eingestellt werden müssen – darunter auch diese –, weil das Geld für bald unausweichliche Sanierungsmaßnahmen fehlt

STRASSENBAHN MAGAZIN 07/13.

Von Duisburg nach Müllheim an der Ruhr, geht es überwiegend überirdisch – bei Temperaturen von über 30 Grad ist eine kühle U-Bahn durchaus angenehm. Der Triebwagen rattert und ist laut, aber gut belüftet. Der Bahnhof von Duisburg und die Innenstadt laden nicht wirklich zum Besuch ein.

Die Waggons versprühen auch hier den Charm der 1970er Jahre. Spannend, weil man in Freiburg etwa die GT8N von 1990 in den 2010er Jahren komplett überholt hat. Wir durchqueren also Duisburg bis nach Müllheim. Da gibt es am Bahnhof – ebenfalls architektonisch nicht zu beachten – einen Tiefbahnhof und ich muß noch eine Station weiter bis zur Stadtmitte. Die Damen von der Ruhrbahn Fahrgastinfo wollten mich auf die U 18 schicken und wunder sich, das ich mit der Tram fahren will. „Das dauert doch länger“. Immerhin hier neue Straßenbahnen, mit Klimaanlage und Niederflur. Besonders voll ist es auch nicht.

Also von hier weiter nach Essen Aktienstraße. Auch hier stoppt die Bahn auf halber Strecke „wegen Verspätung“ und wir werden rausgeworfen und auf die nächste verwiesen.

Essen überrascht dann positiv. Der Hauptbahnhof wird in Schuss gebracht, in der Innenstadt gibt es ein Eis. Immerhin haben die BOGESTRA Busse eine gute Anzeige, die bekannt gibt, wann sie fahren. Die Linie von Essen aus, nennt sich „Kulturlinie 107“ und führt an einer Reihe Museen und Kulturdenkmäler vorbei. Hätte ich es gewusst, hätte ich auch noch eine Hörtour machen können.

Von dort wiederum weiter nach Bochum, inzwischen ist es richtig heiß und man freut sich im kühlen Tiefbahnhof warten zu können. Die Straßenbahnen der BOGESTRA haben Niederflur, die hier einen Ebenengleichen Einstieg ermöglichen. Die Fahrerin, steigt sogar aus um einer Rollstuhlfahrerin den Zustieg zu ermöglichen.

Von Bochum Hauptbahnhof geht es nun auf die letzte Etappe meiner Reise: Mit der Straßenbahnlinie 310 bis nach Witten-Heven Dorf. Mein GPS Tracker sagt es wären 76 km, aber der hat ein Teil der Strecke nicht gezählt, daher halte ich mich an die 106 km, die der Artikel beim STRASSENBAHN MAGAZIN auflistet. Der letzte Teil der Strecke ist eingleisig und wenn 1972 die Stadt Herbede den Verkehr nicht hätte einstellen lassen, würde es noch weiter gehen.

Hier sieht es wirklich nach Dorf aus: Neben der Haltestelle gibt es ein Feld auf dem ein Herr seine Hühner füttert. Nach ca 10 Stunden – man hätte schneller sein können, man hätte auch mehr Umwege fahren können, etwa in Düsseldorf oder nicht direkt Essen – Gelsenkirchen, sondern einen Schlenker über Büer fahren – bin ich am Ziel angekommen.

Die Anreise zu dieser Fahrt mit dem „Glacier-Express des kleinen Mannes“ habe ich mit dem Regionalzug von Freiburg aus gemacht.

Hinfahrt

Rückfahrt

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