Enttäuschung Friedensinstitut an der Evangelischen Hochschule

In Freiburg an der Evangelischen Hochschule gibt es ein “Friedensinstitut”

Man würde denken, seit dem 24.2.22, mit einem richtigen Krieg, der uns in Deutschland auch noch irgendwie betrifft, wäre es gut so so ein Institut zu haben, das uns Antworten liefern kann. 

Ganz utopisch gedacht:

In einem “Friedensforschungsinstut” einer Hochschule, sähe man jetzt sicher seine Zeit gekommen. Man würde eine Vortragsreihe organisieren, die sich mit dem Land, der Geschichte des Konflikts und ähnlichen Themen befasst. Man würde versuchen möglichst renommierte Vortragende –  als Hochschule am besten Forscher:innen oder Studierende einladen. 

Gleichzeitig würde man sicher die Stimme der Betroffenen nicht vergessen und Geflüchteten, Ukrainer:inenn eine Möglichkeit geben, sich auszudrücken oder einzubringen.

So eine Vortragsreihe wäre sicher kontrovers, schließlich gibt es zu diesem Thema viele Fachwissenschaften und Denkschulen, die sich äußern könnten und wollten. 

Die Leitung des Instituts würde auffallen durch kluge Vorträge, in der sie fachlich versiert die unterschiedlichen Zugänge referiert, die Spannungsfelder zwischen theologischem Pazifismus, Realpolitik und Konzepten wie “Human Security” aufzeigt und vielleicht aus diesen Ansätze oder Ideen für die Konfliklösung ableitet. 

Sicher für ein kleines Institut, mit 1,5 Stellen, davon nur 0,5 Stellen Fachwissenschaftlerin, die erst im Frühling 2023 besetzt werden, wäre das eine Herausforderung. Aber auch die Gelegenheit zu scheinen und die Möglichkeit, Drittmittel einzuwerben und die Reputation zu steigern.

Nichts.

Veranstaltungsreihe Friedensaktivisten und Russlandversteher zu Gast

Tatsächlich gibt es eine Veranstaltungsreihe, mit bisher immerhin vier Veranstaltungen Ukraine Krieg. Diese Reihe hat allerdings eine gewisse Schieflage bei den eingeladenen Gästen: Eine Veranstaltung war mit einem Professor der EH, drei weitere mit bekannten Akteuren aus der selbsternannten Friedensbewegung und Russlandverstehern. An keiner der Veranstaltungen war eine Person aus der Ukraine beteiligt.

Im Einzelnen waren die Veranstaltungen:

  • “Militarisierung und Aufrüstung in der Europäischen Union” mit dem “Friedensforscher” Tobias Pflüger am 05.07.2022
  • “Frieden schaffen mit immer mehr Waffen? Die deutsche Rüstungsexportpolitik und die Waffenlieferungen in die Ukraine”, mit Jürgen Grässlin am 23.06.2022
  • „Stoppt den Krieg! Der Ukraine-Krieg und seine Folgen für Europa“ / am 05.04.2022 https://www.eh-freiburg.de/veranstaltungen/der-ukraine-krieg-und-seine-folgen-fuer-europa/ . Andreas Zumach hat eine interessante Vorgeschichte: 2019 berichtete die russisch- und ukrainischsprachige Redaktion von Radio Dreyeckland, dass “dieser die Ansicht vertrat, die EU und die NATO haben Russland provoziert und Russland habe erst deshalb die Krim besetzt und annektiert sowie den Krieg im Donbass begonnen. Dabei führte er viele Annahmen zu Russland an, die in deutschen linken und Friedensbewegungskreisen weit verbreitet sind und sich hartnäckig halten, und garnierte sie auch mit so manchen Falschinformationen.” https://rdl.de/beitrag/die-imperialisten-die-wir-meinen

Klar kann man auch an einer Hochschule Journalisten, Politiker und Aktivisten einladen, die alle im Grunde die gleiche Sichtweise vertreten. Wissenschaftliche Diskurse sind das halt nicht.

Querdenker Demo in Freiburg.

Im geistigen Tiefflug durch das Kriegsgebiet

Aber gut, immerhin gibt es die seit Jahren in dem Bereich tätige Leiterin Karen Hinrichs, die sich auch vor etwas kontroversen, aber gut fundierten Beiträgen nicht zurückschreckt und auch immer eine fundierte Antwort hat.

Auch das war wieder Utopie. Anlässlich einer Einladung der Ev. Pfarrgemeinde Freiburg Nord zur Vorstellung des neuen Studiengangs Friedenspädagogik, der ich beiwohnte hätte sie vor einem geneigtem Publikum beeindrucken können. Tat sie aber nicht.

  • Einmal lag etwa „Democratic Peace“ in der Luft, aber auch diesen Fachterminus nannte sie nicht oder ging auf diese Theorie ein. 
  • Fragen, die ihr genehm waren,wurden  extrem lange mit Wiederholungen beantwortet. Fragen zur Ukraine, Russland, China und Iran waren für Sie irgendwie nicht von solchem Interesse, hier wurde möglichst kurz und vage geantwortet. Das obwohl, dies “das beherrschende Thema in der Lehre”, des Instituts sei. (Zitat aus BZ Interview)
  • Sie im Vortrag die Universität Potsdam mehrfach als “Bundeswehr-Uni”, dort gibt es zwar Kooperationen mit dem Bundesministerium der Verteidigung und Studiengänge, die sich mit militärischen Themen beschäftigen, aber es ist eben eine normale zivile Uni.
  • Sie stellte im Vortrag zwar eine Reihe von Konzepten vor, wie “Human Security” oder Eisberg der Gewalt von Johan Galtung aber blieb dann den Transfer auf die Situation im Ukraine Krieg schuldig. 

Was heißt „Human Security“ für die Bürger:innen des besetzten Ostteils der Ukraine?

Hier wäre es, auch während der Vorstellung des Studiengangs “Friedenspädagogik” spannend gewesen, die aktuellen und vergangenen Kontroversen, die diese Friedenspädagogischen Theorien oder Konzepte wie Human Security umfassen, zumindest anzusprechen und einen Transfer zu wagen, auf die Situation in der Ukraine.

Wenn ich von einen erweiterten Sicherheitsbegriff ausgehe, der nicht nur Schutz des Staates, sondern des Individuums in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt, dann hat das natürlich Auswirkungen auf die Beurteilung des gegenwärtigen russischen Angriffskriegs in der Ukraine und auch die Handlungsoptionen der Betroffenen Ukrainischen Staatsbürger:innen.

Dann muss ich eben in meine Bewertung einbeziehen dass Ukrainische Staatsbürger, gegenwärtig nicht nur durch Kriegshandlungen russischer Soldaten sterben, sondern dass auch in den durch Russland besetzten Gebieten, massiv ukrainische Staatsbürger getötet, gefoltert und verschleppt werden, das Frauen systematisch vergewaltigt werden und ukrainische Kinder entführt. Was an sich schon die Kriterien nach der VN Völkerrechtskonvention erfüllt, um von Völkermord zu sprechen.

(siehe: https://zeitschrift-osteuropa.de/hefte/2022/1-3/ oder https://www.tagesspiegel.de/politik/russland-begeht-in-mariupol-volkermord-4785487.html bzw. https://en.wikipedia.org/wiki/Allegations_of_genocide_of_Ukrainians_in_the_Russian_invasion_of_Ukraine_(2022%E2%80%93present)#Assessments).

Als Friedensforscherin hätte ich erwartet, dass sie auch bei einem Ruf nach „Verhandlungen“ zum einen erklären können wer mit wem über was verhandeln soll und warum das gerade nicht die von Oriana Skylar Mastro 2019 in „Die Kosten der Konversation“ geäußerten Probleme aufwirft. Nämlich die Gefahr, dass die Verhandlungsbereitschaft als Schwäche interpretiert wird und  weshalb. Die Annahme, dass man durch „Verhandeln“ und Kompromisse „Hunderttausende Tote“ verhindern könne, kann ein verhängnisvoller Irrtum sein.

Manifeste Schande

Aber wenigstens hat sie nicht das Zarenknecht-Schwarzer-Manifest unterzeichnet und als klar wurde, wer auf der Demo auftaucht oder noch mal nachgedacht und sich davon distanziert.

Sie hat ein Interview in der Badischen Zeitung gegeben, in dem sie auch erklärte, sie hätte manches anders formuliert, aber das Anliegen des Manifests sei ihr wichtig

Sicherlich hätte eine engagierte Friedensforscherin gewusst, dass etwa die Aussage im Manifest, die Ukraine könne zwar einzelne Schlachten gewinnen, aber nicht den Krieg. Sich auf die falsche Wiedergabe eines Zitats des US Generals Milley aus dem November 2022 stützt:

“Es ist zwar so, dass Milley meinte, die Ukraine werde es nicht bald schaffen, die Russen von ihrem Territorium zu verjagen. Er sagte auch nicht, dass es nicht grundsätzlich möglich sei („anytime soon“).

(Volksverpetzer)

Wichtig ist ja nicht nur was man sagt, sondern auch wer es sagt und als Friedensforscherin, wusste sie ja sicher: 

Äußerungen aus: Friedensforscherin zum Ukraine-Krieg: „Recht auf Selbstverteidigung hat Grenzen““

Zu wenig Platz im Interview

Eine halbe Zeitungsseite reichte nicht (Interview mit Karen Hinrichs am 22.2.23)

Aber gut als “Forscherin” und nach Jahrzehnten als Pfarrerin, seit 2004  in Leitungsfunktionen da weiß man, sich prägnant und kurz auszudrücken und auch komplexe Zusammenhänge so zu formulieren, das man in einem Zeitungsinterview nicht irgendwie nach Querdenker Auftritt klingt.

Nicht wirklich. Auch die Bezeichnung „Friedensforscherin“, erscheint mir fraglich. Ich habe keine (wissenschaftliche) Publikation von ihr gefunden, auch auf der Website der EH finde sich nichts. So gesehen, wäre ich dann Jugendforscher.

Aber zum Interview. Immerhin erklärt uns Frau Hinrichs auf Nachfrage – die „persönliche“ E-Mail ging an mindestens zwei Leute – dass ihre umstrittenen Aussagen gedacht waren, um eine Diskussion anzuregen. Und natürlich ist nicht sie Schuld, dass sie im Interview plump und platt rüberkam, sondern die Presse, die ihr zu wenig Platz eingeräumt habe.

Schließlich wollte Sie “eine differenzierte Perspektive und bisher wenig beachtete Aspekte einzubringen” – welche das waren, erläuterte sie nicht. Auf E-Mails mit Nachfragen oder Argumenten könne sie “nicht detaillierter” eingehen. Dazu seien es einfach zu viele. Und auch das “Manifest für den Frieden” habe sie unterzeichnet um irgendwie Diskussionen anzuregen. Angesichts der zahlreichen Talkshow, Parlamentsdebatten, Meinungsartikel und Leserbriefe ein klein wenig absurd.

Interviews dieser Art werden in Deutschland, wenn sie als Gespräch und nicht schriftlich geführt werden, was ja bei diffizilen Fragen auch immer eine Möglichkeit ist autorisiert. Daher: Der oder die Interviewte hat die Gelegenheit, Äußerungen richtigzustellen, auszudifferenzieren oder zu ergänzen.

Fazit: Enttäuschend

Wahrscheinlich ging es darum, eine bestimmte Klientel innerhalb der evangelischen Kirche zu befriedigen: Das „Forum Friedensethik“ in der evangelischen Landeskirche.

Karen Hinrichs Äußerungen passen zu deren Statement zu Umkrainekrieg.

“halten wir das kontextlose Beklagen des russischen Überfalls auf die Ukraine, welche die tatsächliche Geschichte des NATO-Russland Konflikts ausblendet, für desorientierend und gefährlich.” 

Siehe: https://www.ekiba.de/infothek/arbeitsfelder-von-a-z/frieden-gerechtigkeit-2/forum-friedensethik/ffe-erklaerung-zum-krieg-in-der-ukraine/

Ein Dokument ist auch sonst gefüllt mit Antiamerikanismus und False Balance, es blendet die Anexion der Krim, den Krieg in in der Ostukraine aus und ist sprachlich irgendann so um 1988 stehen gebliebe

n. Seine Forderung „für eine Politik gemeinsamer Sicherheit von Ost und West einzutreten“, ignoriert die Bedürfnisse der “Human Security”, der Bürger Ost-Europas.

Friedensforschung oder Konfliktforschung, Beiträge die über den ideologischen Rahmen der sog. „Friedensbewegung“ heraus gehen oder mindestens eine Beschäftigung mit Inhalten und Annahmen außerhalb deren recht schematischen Welterklärungen, Selbstzweifel, das Aufwerfen von Fragen kann man vom Institut nicht erwarten.

Es nennt sich “Friedensforschungsinstitut”, ist aber eher ein “Friedenspädagogisches Institut”. 

So kann man als Bürgerinitiative agieren, aber dem Anspruch eines wissenschaftlichen Instituts an einer Hochschule wird es derzeit nicht gerecht.