Antroposophen zum Ukraine Krieg – oder polyperspektivisches ignorieren der Ukrainer.

Dr. Valentin Wember war bei der 30 Jahres Feier der Waldorfschule Freiburg- Rieselfeld Ende Juli diesen Jahres eingeladen als Stargast und Festredner. Er hat – neben vielen anderen Büchern über über Antroposophie – auch ein Buch über den Ukraine Krieg geschrieben: “Ein welthistorischer Kampf – polyperspektivische Anmerkungen zu einem langen Krieg“.

Angegeben wird 1.1.25 als Erscheinungsdatum der digitalen Ausgabe, das Buch muss aber im Sommer 23 geschrieben sein, da dauerte der Krieg “gerade” ein Jahr.

Genau lässt sich das anhand der digitalen Ausgabe, die ich mir sogar gekauft habe nicht nachvollziehen, aber die jüngsten Quellen sind aus dem Sommer 2023.

Der Autor verspricht: „gegen alle Meinungsmonopole auf beiden Seiten – eine polyperspektivische Darstellung skizziert. Polyperspektivisch heißt, den Blick nach rechts und links, nach hinten und vorne, nach unten und oben zu richten.“ – Wo immer es auch zu diesem Thema in Deutschland nach zig Talkshow Einladungen von Sarah Zahrenknecht, Stegner und Co “Meinungsmonopole” beim Ukraine gibt/gab ist mir schleierhaft. Vielmehr wurde der Umgang und Waffenlieferungen kontrovers diskutiert. Irgendwie gehört „Mainstream Medienkritik“ halt dazu.

Ich habe das ganze Buch gelesen und muss sagen, für „polyperspektivisch“ kommen genau zwei Perspektiven vor: Die der „NATOianer“ und »Russianer« oder »Putin-Versteher« und das mit deutlicher Schieflage in Richtung Putin verstehen.

Eine Perspektive fehlt vollständg: die Position der Ukraine bzw. Ukrainer (!). Nicht das man da keinen finden würde, der auch auf Deutsch die Position formuliert. Und natürlich ist die NATO kein homogener Block, die Postionen der Balten und Spaniens oder Orban-Ungarns und der Türkei sind schon aus der geographischen Position heraus ganz unterschiedliche.

Aber was will man von einem Buch erwarten bei dem so ‚ilustre‘ Quellen des Verschwörungsideologischen Glaubens wie Daniele Ganser, Scott Ritter und Seymour Hersh völlig unkritisch diskutiert werden.

Hersh hat auf seinem Blog behauptet die USA hätten Nordstream 2 sprengen lassen, was zumindest mal umstritten ist, besonders der von ihm geschilderte Ablauf wie es passiert sein soll ist wenig überzeugend. Ganser Schwurbelt wirklich zu allem seit 9/11 rum und Scott Ritter dürfte russischer Propagandist sein (inzwischen).

Auch sonst ist die Quellenlage eher trüb: So gibt es mal das Multipolar Magazin – laut Stern: „“Multipolar“ wird laut Impressum von dem Autor Paul Schreyer betrieben, der in der Vergangenheit vor allem mit verschwörungstheoretischen Erzählungen zum 11. September und einer äußerst russlandfreundlichen Haltung für Aufsehen sorgte.“ Aber auch Gabriele Krone-Schmalz mit ihren Halbwahrheiten und Desinformierenden Aussagen über Russland, der inzwischen als von Putin bezahlte enttarnte Hubert Seipel oder so schöne Bücher wie: „Prokofieff, Sergej O., Die geistigen Quellen Osteuropas und die künftigen Mysterien des heiligen Grals. Dornach 1989.”

Ukraine Krieg Bullshit Bingo

(Stellen aus dem Buch, die ich mir angemarkert habe)

Natürlich wird dann im Buch das übliche Ukraine Krieg Bullshit Bingo wiedergeben:

  • Euromaidan als Putsch, der er nicht war.
  • Bürgerkrieg im Osten der Ukraine
  • Ukraine als Herkunftsort des „Rußentums“, was irgendwie den Krieg rechtfertigen würde
  • „Die Ukraine kann eh nicht gewinnen“ und das schon seit 3 Jahren!
  • “Die ganze Ukraine ist korrupt”. Stimmt auch nicht mehr, der Korruption Perzeption Index und das Korruption Erleben im Alltag gehen stark zurück. Gerade weil Krieg ist, sind die Bürger viel weniger gewillt Korruption zu dulden!

Natürlich kommt kein Buch aus dieser Richtung ohne die Behauptung aus, der „Euromaidan“, sei ein US Putsch gewesen, das ist deswegen so zentral für die Propagandaerzählung der Russen, weil es deren blutige Invasion irgendwie rechtfertig (Schaut die USA putschen rum, wir greifen an, ist ja irgendwie das selbe).

Die Erzählung hat aber noch ein tieferes kolonialistisches Narrativ darhinter: Nur Russland und den USA bzw. deren Bürgern wird zugestanden eigenständige Akteuere der ‚Weltpolitik‘ und Geschichte zu sein. Gerade Ostereuropäer oder Ukrainer sind in dieser Form des geistigen Orientalismus wieder nur Schachfigure. Zum andern kann man so den USA bzw. Westen die Schuld am Ukrainekrieg irgendwie zuschwurbeln.

Beleglos

Wenn man so selektiv oder Oberflächlich die Quellen nutzt, dann ignoriert man auch vieles. So gibt es vom Juli 2021 das Essay von Wladimir Putin „Zur historischen Einheit von Russen und Ukrainern“, – es ist breit Verfügbar, vom russischen Außenministerum selbst auf englisch übersetzt worden. In diseem bestreitet Putin die Existenz einer eigenständigen ukrainischen Nation und den macht den Westen für Zerfall der Soviet Union verantwortlich. Dieser Essay erklärt Russlands Kriegsziele sehr gut: Auslöschung der Ukraine als Staat und Nation. Was auch zum brutalen Vorgehen in den besetzten Gebieten und beim Krieg an sich passt.

Und natürlich darf die Erwähnung von Zbigniew Brzezi?ski und seinem Buch „The Grand Chessboard: American Primacy and Its Geostrategic Imperatives.“, nicht fehlen.

Atomraketen

russischer Raketenzug im Petersburger Eisenbahnmuseum

Als letztes Kästchen im Bullshit Bingo haben wir dann noch das Gefasels über mögliche „#Atomraketen„, der USA in der Ukraine. Die bei einem einem möglichen #NATO Beitritt aufgestellt würden, als wäre das irgendwie ein Automatismus. Nein, selbst wenn man NATO Mitglied würde, hat man nicht sofort Atomrakten auf dem eigenen Territorium. (Es gibt übrigens Bestrebungen Polens die USA dazu zu bringen Atomrakten in Polen zu stationieren, als Schutz vor Russland, das die USA aber bisher nicht getan haben)

Selbst ein möglicher Beitritt der Ukraine zur NATO war ja hoch umstritten, wurde von Deutschland und Frankreich blockiert.

Seit 4.3.23 ist Finland Teil der NATO – und nicht mehr neutral, eine Folge des russischen Imperialismus und Angriffskriegs, damit könnte die NATO dort „Atomraketen“ aufstellen. Helsinki ist nur 300 km von Petersburg weg, der Finnische Osten noch näher dran. Da braucht man keine Mittelstreckenraketen mehr. Aber Atomraketen – jemand schreibt über Rüstung und Krieg und kommt nicht über diese Vokabel hinaus – wurden bisher dort nicht stationiert.

Übrigens hat Russlands 2018 selbst im Kaliningrader Gebiet kernwaffenfähige Mittelstreckenkaten stationiert.

Auch die Behauptung Russland hätte vor einem NATO Betritt der Länder Mittel-Ost-Europas gewarnt ist falsch. Gegenteil stimmt: „1997 unterzeichneten beide Seiten die NATO-Russland-Grundakte. Darin erkennt Russland erkennt an, dass es kein Vetorecht gegen die NATO-Mitgliedschaft anderer Länder hat“:

Es kam auch nicht zur “NATO Osterweiterung”, sondern die Staaten Ostereuropas haben seit 1993 darauf gedrängt Mitglied der NATO zu werden. Und die Bürger dort haben immer wieder Parteien und Politiker gewählt, die das wollten. Die das zunächst gar nicht wollte. Kleiner Unterscheid.

Selbst gegen einen NATO Beitritt der Ukraine hatte Rußland 2005 nichts.

Zweifelhafte Zahlen bei der Anzahl der Toten

Auch bei der Anzahl der Toten des Ukraine Russland Krieg irrt er gewaltig. Zum einen gibt es dazu zahlreiche Veröffentlichungen und es wird nichts von “den Medien” geschwiegen – Übrigens sind “die Medien” mehr als 15 min Tagesschau jeden Abend. Man kann sich heute dank des ahrimanischen Interrnets aus einer Vielzahl von guten Medien über seine Interessen informieren. Aber kostet halt im Zweifel Geld und Zeit.

Seite 31 der digitalen Ausgabe

Liest man jetzt deren Schätzungen, dann findet man dass diese von 80,000 Toten, 400,000 verwundeten Ukrainischen Soldaten ausgehen und etwa 190,000–350,000 Toten Russischen Soldaten schätzen. Das ist Schlimm genug und ich würde finden, der Respekt gebietet es diese Zahlen nicht irgendwie noch zusätzlich hochzujazzen.

Das gilt umso mehr, als die Daten die ich gefunden habe Stand 18.10.25 sind, ein erheblicher Teil der Toten dürfte sich aber in den letzten zwei Jahren ereignet haben.

Das Zitat „Waffen schaffen Frieden“, kann ich so nicht finden. Ich vermute es existiert nicht. Es wird im Buch auch keine Belegstelle dafür angegeben. / Seite 31 der digitalen Ausgabe

Das man hier keine seriösen Zahlen nennen kann, sondern sich nur auf den russischen Propagandisten Scott Ritter verlässt, ist schon bizarr.

Blos keine Sanktionen

Natürich ist Dr. Wember auch gegen jegliche Sanktionen, wie seit kurzem die Friedensbwegung. Also nicht mal dieses milde Mittel um Krieg zu missbilligen oder zu beenden soll bleiben? Soll Russland in Europa Waffen etc… kaufen dürfen um damit Ukrainer umzubringen? (Sind rhetorische Fragen, ich weiß). Und natürlich gibt es einen Unterschied zwischen einem Verbot Waffen zu verkaufen (hat die EU erlassen) und etwa einem Medikamente an Russland zu verkaufen (gibt es nicht).

Aber gut dann gibt es noch ein wahrlich Antroposophisches Kapitel in dem über „durch keinen atheistischen Kommunismus zerstörbare religiöse Respekt der russischen Seele” (Seite 53) geschwurbelt wird. „Dazu gehört auch etwas, für das ich keinen besseren Ausdruck habe als »Innigkeit der Seele und Herzensgüte«, die eine stillere und oft tiefere Beziehung zum Christentum ermöglich”

Das ist so wirr wie falsch. Zeigt aber eindeutig, Wember projziert in Russland eine Art Anti Amerika, das unberührt sei vom verdorbenen westlichen Amerikanischen Lebensstil. Das ist natürlich triefender Antiamerikanismus und angesichts der Tatsache das Scheidungsraten, Abtreigungsraten, Mordrate, Alkolismus in Russland deutlich höher sind als in allen westlichen Gesellschaften schwurbelliger Quatsch.

Medienlandschaft der Ukraine

Und natürlich gbe es in der Ukraine keine freie Presse. Das ist schon quatsch wenn man so Medien wie den Kyiv Independent liest. Man kann aber auch bei Reporter ohne Grenzen nachlesen: „Ukraine’s media landscape is diverse and resilient (…) Independent outlets are able to provide reliable information and combat disinformation“

Antisemtische Steiner Zitate und Geschichtsrevisonismus

Haltestelle Steiner Schuler in Tampere

Kapitel 6 des Buchs ist ein Zitat „Aufzeichnung Rudolf Steiners, vermutlich aus dem Jahr 1918. Der Text wurde von Thomas Meyer in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift »Der Europäer« Jg. 3 / Heft Nr. 5 / März 1999 veröffentlicht.” (Seite 114 der digitalen Ausgabe). Was das genau zum Verständnis der Weltsituation heute beiträgt, keine Ahnung.

Es wird also Steiner zitiert: „oder man tritt an eine okkulte Gruppe innerhalb der anglo-amerikanischen Welt die Welt-Herrschaft ab, bis aus dem geknechteten deutsch-slawischen Gebiet durch zukünftige Ströme von Blut das wahre geistige Ziel der Erde gerettet wird.“ (S. 115). Aus dem Textfluss heraus ergibt sich dann ein Ende des Zitats.

Und Wember schreibt weiter: „23 Jahre nach dieser Prognose – im Jahr 1941 – sind tatsächlich fünf Jahre lang Unmengen an Blut geflossen, ohne dass diese Blutströme nach dem Krieg dazu geführt hätten, die Bevormundung Mitteleuropas durch den Westen zu beenden.”

Das ist die ganze Einordnung dieses Zitats. Diese Aussagen Steiners passen irgendwie gar nicht zum Rest des Buchs, aber wenn an sie konsequent liest, dann könnte man aus “oder man tritt an eine okkulte Gruppe innerhalb der anglo-amerikanischen Welt“ , durchaus eine Chiffre für die jüdische Weltverschwörung oder zumindest eine strukturelle Verschwörungserzählung sehen.

Wer so was 2023 ausgräbt und in ein Buch schreibt, der kann auf jeden Fall eines nicht: Antisemitimus Vorwürfe gegen RudolfSteiner entkräften. Und wer das uneingeordnet reproduziert, der macht sich das auch aus meiner Sicht zu eigen.

Spannend auch die These in den Fußnoten zu diesem Text. (Seite 156): „Der erste und der zweite Weltkrieg bilden in Wirklichkeit einen großen 30-jährigen Krieg, der in der Zeit der Weimarer Republik nur unterbrochen war. Der zweite Weltkrieg war – nach Versailles – die mehr oder weniger zwingende Folge des ersten Weltkrieges und insofern gehören beide Kriege zusammen” – Man fragt sich ob das nicht schon Geschichtsrevisonismus ist bei dem Nazi-Deutschland die Schuld am zweiten Weltkrieg erledigt werden soll und den Alliierten in die Schuhe geschoben.

Solche Thesen sind um so verwunderlicher, als das Wember Geschichte studiert hat, aber sie machen aus meiner Sicht noch mal klar, warum bei der Waldorf Bewegung durchaus Rechtsoffene Anknüpfungspunkte vorhanden sind.

Fazit

Keine Kaufempfehlung. Kein Polyzentrischer Bild, sondern schlecht recherchierte Russenpropaganda, erfundene Zitate ohne Quelle, Geschichtsrevisonisums und Steinertümelei. Nicht lesen wenn man sich über den Ukraine Krieg informieren will.

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