Kunstlieder und Mobilfunkgegner

Am Freitag kam Jörg Gutbier in die Waldorfschule Freiburg Rieselfeld, um dort über die Gefahren von 5G und den Kampf dagegen zu berichten. Das Thema ist in Freiburg wieder aufgeflammt, weil in Kappel ein Sendemast aufgestellt werden soll, der Teile des bisher unterversorgten Tals mit Mobilfunk versorgen will. Und angeblich hätten sich in Kappel besonders viele “Strahlensensible” Menschen angesiedelt .

Im Saal der Waldorfschule hängt sonst ein Steiner Portrait, das aber am Abend nicht zu sehen ist, draußen gab es recht leckere selbstgemachte Kuchen gegen Spenden und einen Büchertisch. 

Der Abend begann mit dem Vortrag einiger Kunstlieder, zunächst war nicht klar, wie es zu dieser Kombination kam, das klärte sich aber schnell auf. Der Interpret war ehemaliger Schüler der Waldorfschule, durchaus ein Stimmgewaltiger Sänger und bezeichnet sich selbst als  „elektrohypersensibel“ und erklärt, er habe nur Kabelgebundene Telefone, Computer, etc. Sei aber durch das Telefon seiner Oma müde geworden. Unter Funkeinfluss könne er sich nicht konzentrieren. 

Schon in seinem Eingangsstatement wurde recht deutlich: Er hält Burnout für eine durch Funkwellen erzeugte Krankheit, der man abhelfen könnte, wie ihm ein Dr Klinghart, hat in Vortrag verdeutlicht habe, in dem man sämtliche funkenden Geräte aus dem eigenen Leben verbanne. Er selbst sei auch mit Mitte 20 burn out krank gewesen und um im Abendgymnasium auf welches er gegangen sei, musste jeder ein Handy habe. Bei Klassenarbeiten, die er alleine in einem Raum geschrieben hätte, wäre er zwei Noten besser gewesen. Gerade für Behinderte mit Tetraspastik bewirke die Bestrahlung mit Handy massive Verspannung. Diese Strahlen hindern am finden eines Ausbildungsplatzes!! Bei vollem Haus mit Smartphone wäre er nicht in der Lage zu singen. 

Deshalb habe er den Vortrag heute Abend organisiert. 

Seine Einführung schloss sich dann auch noch ein paar Anekdoten über strahlen geplagte Menschen an. Etwa einer Frau Dr Barbara Domen, die sich um die Leute kümmere und deren meisten Patienten aufgrund der Strahlenkranken ALG2 abhängig wären. Oder die eines Kindes, das nach Ausstecken des elterlichen DECT Telefons endlich wieder durchschlafen könnte und von der Sonderschule zurück aufs Gymnasium gewechselt sei.

All diese Erzählungen lassen sich nicht überprüfen. Bei so manchem kam mir der Gedanke, ob es sich nicht um Menschen handelt, die einfach ME CFS oder ein anderes Postvirales Erschöpfungssyndrom haben oder hatte. Auch sonst ist Burn-Out ja durchaus durch Reizüberflutung oder Überlastung zu erklären und nicht durch Handystrahlen. 

Vortrag Gutbier

Dann kam der Vortrag von Jörg Gutbier. Grundsätzlich kann man diese Vorträge unterschiedlich aufbauen. Peter Hensinger etwa sprang in über 100 Folien von Studie zu Studie um so den Eindruck der Seriosität und Fundhierdheit zu vermitteln – was für die Leute im Raum erstmal gelang, dann aber bei der genauen Beschäftigung mit den Studien wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrach. Dr. Wolf Bergmann klingt eher wie Captain Blaubär und auf diesem Niveau sind dann auch die Ausführungen.

Jörn Gutbier ist eigentlich ganz angenehm, nicht zu viele Folien, nicht zu viel erzählt, nicht zu schnell und auch gut fasslich. Die Inhalte sind dann aber nicht viel anders, als das, was sonst von Diagnose Funk erzählt wird.

Spannend war dann, was er über Diagnose Funk erzählt hat, die inzwischen 2,5 Angestellte. Allerdings stellt sich ihre Arbeit doch als frustrierend da: In den 1990er habe man noch versucht Mobilfunk komplett zu verhindern, spätestens 2007 mit der Einführung des Smartphones sei es dann vorbei gewesen, der Widerstand sei verschwunden. So schön es wäre, „das Handy” wegzuwerfen, das ginge aber nicht. 

Aber dann gibt es auch Lichtblicke, z.B. sei die Bürgerversammlung ein schwerer Schlag für die Mobilfunkbefürworter gewesen (hatte ich jetzt anders in Erinnerung) Aber dann sei Corona gekommen und alles wäre platt gewesen – Das ist recht spannend, weil sich ja durch Corona auch viele Gruppen gefunden haben, aber die Technologieaversion hat wohl dafür gesorgt, dass die Gruppen nur schwierig in der Zeit arbeiten konnten. Es gab ja entsprechende Berichte aus Freiburg, dass die Anti-5G-Gruppe, die mit der Stadtverwaltung arbeitete, eine extra Betreuerin brauchte.

Dann gab es den “wissenschaftlichen” Teil der Präsentation, da werden dann die zu hohen Grenzwerte beklagt, Beispiele für Regionen und Orte mit niedrigeren Grenzwerten genannt (ob die so immer stimmen, beim letzten Mal als ich es nachgeforscht habe, gab es die Teils nicht mehr oder Regionen und Städte können das gar nicht beschließen).

Aber auch eine sehr komplexe Folie, in der, jeweils ohne dass man es gut nachvollziehen kann, unter der Berücksichtigung einzelner Studien von Gutbier postuliert wurde, dass es gefährlich sei.

Ich habe an dieser Stelle nicht die Lust Punkt für Punkt, die Studien und Aussagen durchzogene, wie ich das 2019 getan habe, damals habe ich aber bei sehr vielen Studien zumindest Kritik gefunden oder gar Hinweise, dass diese Widerlegt sind bzw. man das ganze auch sehr anders sehen kann.

Forderungen

Nun gab es dann nach der Angstphase, dann die Forderungen von Diagnose Funk. Da ist einiges dabei, worüber man sicher diskutieren kann, etwa statt vier Mobilfunknetzen nur eines zu betreiben, so wie das etwa in anderen Ländern der Fall ist.

Oder auch Strahlungsintensive Technik wie GSM (also 2 G) abzuschalten, was man ja bei bestehenden 5G Abdeckugn durchaus tun könnte.

Außerdem sollen Kleinzellen (!) eingeführt werden, um somit die Emissionen zu reduzieren. Gerade als er das vorgetragen hatte, war ich verwundert das kein Raunen oder gar Entsetzen durchs Publikum ging, denn bisher war “der Funkmast in jeder Straßenlaterne”, ja eine der Horrorvorstellung der Szene.

Undgäbe es ja bald für den Innenbereich Sogenannte LiFi Technik, damit könnte man dann drahtlos Daten per Infrarot übertragen. Das PureLifi stünde vor Serienreife und damit könnte man der „Totale Verseuchung der Innenräumen mit WLAN” ein Ende setzen.

Pause

Irgendwann gab es dann noch eine Pause, bei der sich die Anwesenden unterhielten. Eine ältere Frau mit weißen Haaren gab mir dann einen Zettel, in dem ich als “Babayvaxxer” bezeichnet werde. 

Ich sehe das als Auszeichnung. 

Ich habe mir dann einen Kuchen geholt, wobei Tjark Voigts mich beäugte, wahrscheilich um Sicherzustellen ob ich denn auch Geld ins Spendenkässle geworfen habe.

Nach der Pause ging es dann weiter. Da gab es dann “Schockbilder” von Kindergruppen am Handy, die üblichen Aussagen über die Gefahren von digitalen Medien, die Referenz ging dabei auf Prof Spitzer. Laut Spitzer sind  in Südkorea durch Handynutzen 90% der Jugendlichen kurzsichting und werden dann im mittleren Alter auch erblinden. 

Auch das kann man zumindest in Frage stellen, die Studie mit Südkoreanischen Wehrpflichtigen findet zwar einen Anstieg auf 58% von 52% von 2014 bis 2020 aber eben nicht 90% mit Risikofaktoren wie “Bildung”, Höhe, Gewicht oder BMI oder der Jahreszeit der Geburt. Und wenn man dann Augenärzte fragt, sehen die auch keine Dramatik beim Thema Erblindung. Aber für Angstmache reicht es halt bei diesem Publikum.

Immerhin stöhnte das Publikum entsetzt auf, als das Wort Erblindung fiel.

Die kommende digitale Demenz von Herrn Spitzer sei noch schlimmer als gedacht. Das wäre alles sehr gut auf den Nachdenkseiten erläutert, im Rahmen eines Berichts über Pleuchheimer Gespräche, einer Medizinischen Tagung im wesentlichen Antropsophischer Mediziner erläutert. Sofort nach Smartphone Verboten, stiegen die Bildungsleistungen in den Schulen. Ganz toll fanden dann alle die französische Stadt (eher ein Dorf, bin mir aber sicher er hat Stadt gesagt) mit dem Smartphone Verbot im öffentlichen Raum.

Auch wiederholt wurde der gängige Slogan: “Digitalisierung als Brandbeschleuniger der Klimakatastrophe”

Eher neu war, dass Gutbier sich dann noch relativ eindeutig von Corona-Schwurbel distanzierte: “5G macht kein Corona” und auch deutlich – auf Nachfrage – von „Harmonisierungs Produkten“ wie etwa denen der Firma Memon regelrecht warnte. “keinerlei wissenschaftlichen Beweise, da ist viel Betrug dabei”, man käme nicht an die Studien heran. Das ist für die Szene eher ungewöhnlich.

Hinter mir grummelten und redeten auch zwei Frauen, da konnte ich dann aufschnappen, wie bei der Erwähnung des Wortes „Massenversuch“ gleich mal die Parallele in Richtung “Corona Impfungen” zogen. Wobei er auch von entsprechendem Geraune nicht frei war und etwa erwähnte, dass ein Professor an der TU Ingoldstadt seine Handystrahlenfreie-Kammer nicht mehr weiter nutzen dürfe, weil davon auch Corona-Impf-Opfer profitiert hätten und das obwohl die Kammer auch gegen Tinitus helfe. (Auch das ist wiederum nicht bewiesen, viele Tinitus bilden sich wieder zurück von alleine und möglicherweise hilft nicht die Strahlenarmut, sondern die Stille) Aber klingt dann schon gut.

Der Abend endete wieder mit Kunstliedern. Das passte dann auch irgendwie zur Kulturpessimistischen Stimmung, schließlich wurde im Schlusswort einer der Mitveranstalterinnen deutlich, man kämpfe hier ja auch für die Erhaltung der Zivilisation!

Fazit

Kurzum wenig Neues, wenig das man nicht angreifen könnte oder das einer kritischen Überprüfung stand hielte. Aber dem Publikum aus Freiburger Vereinen, wie Feldstärken e.V., dessen Vorsitzende mich auch gleich fragte ob ich zum spionieren gekommen sei, wurde ein Angebot zur Bestärkung von Angst und Weltbild gemacht. Den einen oder anderen Querdenker konnte man dann auch noch unter den Zuhörern sehen. Bedenklich ist immer wieder, dass dann doch ältere Menschen mit geringer  Medienkompetenz bzw. Vorwissen sich in diese Veranstaltungen verirren und gerade durch die vielen Studien, beindruckt sind und es dann glauben.

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